Freitag, 23. April 2010

Über Coca - Sigmund Freuds voranalytische Schriften

Bevor Sigmund Freud (1856 - 1939) mit seinen psychoanalytischen Arbeiten weltweit bekannt wurde, experimentierte er einige Jahre mit Kokain. Die Erkenntnisse, die er dabei gewann veröffentlichte er in diversen Aufsätzen, die es zu lesen lohnt.
Als junger Arzt in Wien suchte Freud nach Möglichkeiten sich durch revolutionäre Studien einen Namen zu machen. Das Geld war damals noch knapp, die Forschungen entsprechend von einer gewissen Verzweiflung angetrieben. So versuchte er das damals noch relativ unbekannte Coca als Entwöhnungsmittel für Alkohol und Morphium zu etablieren. Später wurde Kokain lange Zeit vor allem zur lokalen Anästhesie bei kleineren operativen Eingriffen verwendet.
In zahlreichen Versuchen an sich selbst und anderen Personen überzeugte sich Freud von der leistungssteigernden und euphorisierenden Wirkung der Droge. Wichtigste Referenz waren für ihn dabei die coca-kauenden Ureinwohner Südamerikas. Stets versicherte Freud kaum negative Nebeneffekte oder gar Suchtgefahr beobachtet zu haben. Einschätzungen, welche er später revidieren musste, was schließlich zur entschiedenen Distanzierung seiner frühen Arbeiten führte. Freud bezeichnete seine Kokain-Studien später als "Jugendsünden", welche er aus seinem Gesamtwerk streichen wollte. Einzig der erste Aufsatz "Über Coca" behielt für ihn lebenslange Gültigkeit.
Freuds Schriften über Kokain lesen sich, wie alle seine Texte, sehr interessant und einfach. Er verfügt über eine klare, geschliffene Sprache, die eher literarisch denn wissenschaftlich funktioniert. Die Beschreibungen der Coca-Wirkung auf den menschlichen Körper sind oft stark verharmlosend, aber nachvollziehbar. Leider wird den psychischen Auswirkungen des Kokain-Konsums gegenüber den physichen weniger Beachtung geschenkt, was etwas überrascht, manchmal enttäuscht, bedenkt man die späteren Arbeiten Freuds. Dennoch geben die Coca-Schriften einen interessanten Einblick in die Medizingeschichte des ausgehenden 19. Jahrhunderts und den Umgang mit einer Substanz, dessen verheerende Kraft noch nicht auszumachen war.

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