Donnerstag, 19. November 2009

Versuch über das Notizbuch

Als Schriftsteller muss man mit einem Notizbuch arbeiten. Man muss mit einem Notizbuch arbeiten, damit man im richtigen Moment und das ist der Moment in dem ein paar gute Sätze vorbeischwimmen, zum Beispiel, wenn man abends im Bett liegt und schon fast eingeschlafen ist, aufspringen und die guten Sätze an Land ziehen kann. Ein solches Notizbuch muss klein sein, so klein, dass es immer griffbereit ist, nicht nur neben dem Bett, sondern auch in der Jackentasche.
Ein solches Notizbuch ist das MOLESKINE. Ein MOLESKINE ist ein kleines, schwarzes Notizbuch in Leder oder Lederimitat gebunden, mit einer Papiertasche auf der Innenseite des hinteren Buchdeckels und einem daran befestigten Gummiband um das Notizbuch zu verschließen.
Genau so ein Notizbuch brauchte ich. Da man bei Google alles findet, was auf der Welt gibt und was man bei Google nicht findet eben nicht gibt, habe ich erfahren, dass die Notizbücher, die ich von Schriftstellerfotos aus dem Internet kenne, MOLESKINE heißen. Genau so ein Notizbuch brauchte ich.
Das MOLESKINE war und ist bei Schriftstellern darum so sehr beliebt, weil es unglaublich praktisch ist um darin die guten Sätze festzuhalten, die hin und wieder vorbeischwimmen. Das wussten schon Oscar Wilde, Hemingway und Chatwin und schätzten das MOLESKINE daneben auch wegen seines attraktiven Preises. Zu Beginn ihrer Laufbahn sind Schriftsteller naturgemäß arme Menschen, darum benötigen sie billige und praktische Notizbücher, um gute Sätze aufzuschreiben und reich zu werden. Genau so ein Notizbuch brauchte ich.
Was man bei Google auch findet, nachdem man bei Google gefunden hat was man suchte, ist ein Händler, der einem das gefundene Gesuchte zum Kauf anbietet. Mit dem lässt sich leider nicht feilschen, bei dem kann man auch nicht anschreiben lassen. Nicht einmal wenn er Notizbücher verkauft. Attraktiv war der Preis damals und das ist er auch heute noch, denn der Preis sagt viel über die Qualität des Produktes aus. Wer billig kauft, kauft zweimal.
Ein MOLESKINE ist eine Investition fürs Leben, etwas an dem man immer Freude hat, weil es immer griffbereit ist. Es ist hochwertig verarbeitet im Gegensatz zu vergleichbaren Notizbüchern, von deren Existenz ich erst im wahren Leben erfuhr und wegen denen ich einen existenzphilosophischen Diskurs mit mir selbst ausficht, da ich besagte Vergleichsnotizbücher bei Google nicht fand und deren Existenz infolgedessen anzweifelte, obwohl sie deutlich erkennbar vor mir beim Händler lagen.
Ein MOLESKINE ist derart hochwertig verarbeitet, dass sich heutzutage Kapital daraus schlagen lässt und man es darum beispielsweise nicht als Bierflaschenöffner benutzt, obwohl das die praktische Dimension des MOLESKINE entscheidend erweitern würde, da es als Kapitalanlage auch als Prestigeobjekt dient, was es aber nicht mehr tut, wenn sich daran Spuren des Gebrauchs als Bierflaschenöffner finden. Anders das Vergleichsnotizbuch, dass sich sehr wohl als Bierflaschenöffner eignet, da es bei einem Drittel des Preises eines MOLESKINE kein Prestigeobjekt ist, aber dreimal so dick ist, was auch bedeutet, dass man dreimal so viele gute Sätze an Land ziehen und festhalten kann, sollten welche vorbeischwimmen, was zu beweisen wäre.

Dienstag, 10. November 2009

Liebe ist...

Ja, es ist tatsächlich passiert: Das neue Rammstein-Album "Liebe ist für alle da" wurde indiziert. Das heißt in erster Linie, dass nun wieder eine öffentliche Zensurdebatte geführt werden wird, obwohl das Album ja nicht verboten, sondern "lediglich als jugendgefährdend" eingestuft wurde. Dennoch ist es nach wie vor eine Frechheit mit welchen fadenscheinigen Begründungen solche Indizierungen vorgenommen werden. Sätze, die mit "Die Band ruft auf zu..." beginnen zeugen nicht gerade von einem Verständnis, wie man Kunst zu bewerten und zu beurteilen hat. Sei's drum - Zensursula wollte es so, also wird's so gemacht.
Selbst als jahrelanger Rammstein-Hörer war ich über das Echo, welches die neue Platte auslöste überrascht. Auch seriöse Tages- und Wochenzeitungen haben sich (nicht immer klug, aber immerhin) dazu geäußert und sogar die Band zu Wort kommen lassen. Auf amazon.de (ca. 240 "Rezensionen" in wenigen Tagen!) wurde kontrovers diskutiert und heftig gestritten. Leider kann man das alles nicht mehr lesen, da ab sofort nur noch die "neue Version" des Longplayers offen vertrieben werden darf - und muss dann wieder neu bewertet werden.
Doch hören wir uns die Skandalplatte doch erstmal genau an...

  1. Rammlied: "Wer wartet mit Besonnenheit/Der wird belohnt zur rechten Zeit/Ja, das Warten hat ein Ende/Leiht euer Ohr einer Legende" Der Song wurde sicher von vorn herein als Opener konzipiert, der vor allem bei den Konzerten hervorragend funktionieren wird. Der Sound gibt allerdings auch von Anfang an die Linie des Albums vor. Es geht wieder härter und rotziger zur Sache und man besinnt sich auf frühere Alben wie "Herzeleid" und "Sehnsucht". Der Refrain besteht aus einem Wort und das lautet "RAMMSTEIN", was ebenfalls ein erster Hinweis auf die stetig präsente Selbstreferentialität der Platte ist.
    Musikalisch bewegt sich der Song zwischen konpromisslosem Metal und akustischen Brücken, auffällig ist vor allem das Schlagzeug, welches sich teilweise dem guten alten double-bass bedient. Der Gesang ist typisch Lindemann, durchzogen von choralen Passagen. Insgesamt geht das Stück in Ordnung - ist jedoch kein großer Wurf. (3/5)
  2. Ich tu dir weh: Hauptaufreger in der Index-Debatte. Zu gewaltverherrlichend, zu menschenverachtend. "Stacheldraht im Harnkanal" ist die Aufregerzeile in dieser kleinen, aber feinen S/M-Revue. Fakt ist aber, dass hier eine ins Grenzenlose pervertierte Erotik angeprangert wird, an deren Entstehung sicher nicht die Band Schuld trägt.
    Im Gegensatz zum Text ist die Musik im Vergleich zum ersten Track versöhnlicher und vor allem melodischer. Sinnbild für eine verklärte Romantik? (4/5)
  3. Waidmanns Heil: Eher einer der schwächeren Songs der Platte, aber mit einigen Livequalitäten. Wie der Titel vielleicht ahnen lässt geht es um den Spaß am sinnlosen Töten und dem Ausleben einer ungleichen Machtverteilung.
    Sowohl Klang als auch Text bieten wenig Überraschungen. (3/5)
  4. Haifisch: Ein unglaublicher schöner Song, der in vielerlei Hinsicht überrascht. Die Band beleuchtet sich selbst und vergleicht sich mit einem, in der Tiefe lebendem Hai. Ein einsames Tier, das nur nach Außen aggressiv wirkt. Vielleicht manifestiert sich hier ein Selbstbild, welches in den aktuellen Interviews immer wieder anklingt: Sie sind der momentane Ausdruck hässlicher Tabuthemen der Gesellschaft und damit allein auf weiter Flur... Zur Illustration dieses Zustandes bedient man sich Bertolt Brechts "Moritat von Mackie Messer" und weiß diese gekonnt für sich umzugestalten.
    Etwas skeptisch bin ich jedoch bezüglich der Selbstthematisierung, welche z.B. von den Onkelz auf die Spitze getrieben wurde. Seit dem es die nicht mehr gibt, ist ein Vakuum entstanden, welches Rammstein sicher schließen könnte... Dennoch: (5/5)
  5. B********: Bückstabü? Bückstabil? Ich hab keine Ahnung was der Song mir sagen soll. Er ist kompromisslos hart, textlich inkohärent und irgendwie einfach langweilig. Live geht da sicher Einiges, beim Hören der Platte ist er der heißeste Kandidat für die Skiptaste. (2/5)
  6. Frühling in Paris: Ich liebe es, wenn Rammstein Balladen schreiben. Auch wenn es, passend zum Albumkonzept eher unversöhnlich darin zugeht. Erzählt wird die Geschichte einer fragwürdigen Liebe in Paris, die blutig zu Ende ging. Doch wie schon Edith Piaf sang: "Non, je ne regrette rien." Die spielerische Musik und der überraschend klare Gesang Lindemanns rahmen diese l'amour fou perfekt. (5/5)
  7. Wiener Blut: Wie schon mit "Mein Teil" setzt sich die Band in diesem Song mit einem Gewaltverbrechen auseinander, welches die menschliche Vorstellungskraft schier übersteigt. Mit dem Hören von "Wiener Blut" entwickelt man vielleicht ansatzweise ein "Hineinversetzen" in die Kinder, welche von Fritzl jahrelang in einem Kellerverließ in Österreich "gehalten" wurden...? Es ist das mit Abstand böseste und dunkelste Lied, das Rammstein bisher geschrieben haben - muss es auch sein.
    Musikalisch kommt es erst etwas verwegen daher und schaukelt einen in eine unbehagliche Stimmung, bis es schließlich in aller Härte ausbricht und einen nur noch sprachlos macht. Sehr intensiv! (5/5)
  8. Pussy: Ja, ja... was soll man sagen. Als die Single vorab erschien, war ich mehr als skeptisch. Ich wusste einfach nicht, ob das nicht ein bisschen viel Ironie auf einmal ist, und ob das auch so verstanden werden wird. Fakt ist jedoch, dass "Pussy" im Kontext des Albums wie die Faust aufs Auge passt. Da geht es um Sextourismus in Osteuropa, um deutsche Klischees (zu denen Rammstein mittlerweile gehören) und bruchstückhaftes Porno-Englisch. Und dann ist das Teil auch noch so groovy, dass sogar Flake an seinen Keyboards mal wieder ordentlich was zu tun bekommt. Respekt! (5/5)
  9. Liebe ist für alle da: Und dann kommt nach dem ganzen Sex der ironische Bruch. Was macht eigentlich der arme Kerl, der Sex mit Liebe verwechselt und am Ende gar nichts von beiden bekommt? Richtig, er geht ins Schwimmbad und, naja...
    Der Song wirkt im Ganzen etwas unfertig und kommt daher etwas "taumelig" daher, dadurch bekommt er jedoch auch Ecken und Kanten, die wiederum reizvoll sind. (3,5/5)
  10. Mehr: Ein Lied, dass mir aus der Seele spricht. Es kommt vielleicht etwas altbacken daher, aber in der heutigen Zeit kann man eben von nichts genug bekommen. Auch nicht von Konsumkritik. Wenigstens ist man musikalisch nicht redundant und experimentiert ein wenig mit überspitzten Harmonien und teilweisem Operngesang. Ein Song in dem man sich, ähnlich wie in den Kaufhäusern der Stadt wunderbar verlieren kann. (4/5)
  11. Roter Sand: Das einzige Stück der Platte, das auch von einem der letzten beiden Alben stammen könnte. Erzählt wird eine tragische Liebesgeschichte aus der Sicht ihres Opfers.
    Der Song nimmt nie so richtig Fahrt auf und plätschert so dahin, wodurch ein im ganzen gutes Album eher nebenbei endet. Eigentlich Schade... (3/5)
Insgesamt muss man sagen, dass Rammstein mit "Liebe ist für alle da" ein sehr gutes Album über meinen Erwartungen (die eigentlich nicht vorhanden waren) abgeliefert hat. Es ist ein einiger Klotz aus (Selbst-)Ironie, Sarkamus und Zynismus, der ungezügelt mit der Gegenwart abrechnet. Durchdachte Texte paaren sich mit durchdachter Musik, die wieder mehr von der alten Rohheit Rammsteins versprüht. Natürlich ist das manchmal auch ziemlich plakativ, aber hey, einer muss es ja machen.